Rezension:
Gilly Macmillan - Toter Himmel

17 September 2017 |



Original: Burnt Paper Sky
02.05.16 | 544 Seiten | Knaur. Autorin | Leseprobe Kaufen  

Was ist der schlimmste Alptraum einer Mutter?
Wie so oft ist Rachel mit ihrem achtjährigen Sohn Ben spätnachmittags auf dem Weg zum Waldspielplatz. Heute will Ben allein vorauslaufen – selbstverständlich lässt Rachel ihn ziehen. Und findet Minuten später nur eine leer schwingende Schaukel vor…
"Ich blickte mich um, in der Erwartung, dass er lachend auftauchen würde, aber da war nichts als Stille, als habe der Wald die Luft angehalten. Mein Blick folgte den Bäumen in die Wipfel und in den Himmel darüber, und ich spürte, wie Dunkelheit aufzog, unerbittlich wie eine Flamme, die auf einem Stück Papier vorwärtswandert, dessen Ränder sich kräuseln, bis nur Asche zurückbleibt. In diesem Augenblick wusste ich: Ben war nicht mehr da."
Doch dies ist nur der Anfang von Rachels Martyrium. Während die Polizei in ihrem Leben das Unterste zuoberst kehrt, ohne eine brauchbare Spur zu finden, hat die Öffentlichkeit ihren Schuldigen längst ausgemacht: Rachel. Geschickt wechselt Gilly Macmillan zwischen der Sicht der verzweifelten Mutter und der des beinahe ebenso verzweifelten Kommissars, dazwischen eingestreut die Hasstiraden der Netzgemeinde. Dabei weiß der Leser von Seite zu Seite weniger, wem er trauen darf. Sicher ist nur eins: Die Uhr tickt.





»"Nicht alles, was Menschen tun, ist vernünftig", sagte Clemo, "besonders wenn sie unter Druck stehen.[...]«
Zitat aus: "Toter Himmel"



Meine Meinung:

Charaktere
Rachel ist von ihrem Mann geschieden und scheint diese Trennung noch nicht richtig überwunden zu haben. Sie steckt ihre gesamte Liebe in ihren Sohn Ben und ist natürlich untröstlich, als dieser plötzlich verschwindet. Rachel ist verletzlich, aber auch aufbrausend. In einer schweren, emotionale Lage macht sie Dinge aus dem Affekt, die nicht immer gut sind.
Jim ist der leitende Detective, der sich um das Verschwinden von Ben kümmert. Er ist ein taffer junger Mann, der genau weiß, was er will. In der Gegenwart scheint er allerdings ein anderer Mensch geworden zu sein. Liegt dies an dem Fall? Oder vielleicht doch an etwas anderem? Im Laufe des Buches lernt man Jim und auch dieses Geheimnis immer besser kennen.

»Die Angst um Ben hatte seit Sonntag jede Faser meines Körpers eingenommen und jeden einzelnen Gedanken und jede Handlung bestimmt. Nun gesellte sich etwas anderes hinzu: die Angst um mich selbst.«
Zitat aus: "Toter Himmel"

Gesamt
Positiv hervorzuheben ist zweifellos der flotte Schreibstil der Autorin. Sie schmeißt den Leser gleich in die Geschichte und bewirkt, dass man sich selbst wie das Opfer, wie die Mutter vorkommt, die ihren Sohn vermisst. Die Ängste ihn zu verlieren waren für mich genauso greifbar, wie die Hoffnung, ihn am Ende vielleicht doch wiederzusehen.
Interessant an "Toter Himmel" ist nicht nur die Authentizität der Protagonistin Rachel, die uns in der Ich-Form ihre Höllenqualen schildert, sondern ebenfalls die Struktur und das Spannungsbarometer des Buches. Letzteres flacht nicht wirklich ab, da am Ende eines Kapitels meist irgendeine andere Frage auftaucht, die es zu beantworten gilt, es im nächsten Kapitel aber plötzlich um den Detectiv und seine gegenwärtige Lage geht. Diese Sprünge haben mir außerordentlich gut gefallen. So erfährt man auch mehr über die Nebenfiguren und fiebert auch bei ihnen mit.

»Es gelang mir nicht, zusammenhängende Gedanken zu fassen; der Schrecken hatte mich vollkommen im Griff und höhlte mich aus.«
Zitat aus: "Toter Himmel"

Das Thema "Socialmedia" bekommt in "Toter Himmel" ebenfalls einen sehr großen und stellenweise auch erschreckenden Platz. Was für eine Hetze auf verschiedenen Kanälen stattfindet, was Menschen sagen, die sich in der Anonymität stärker fühlen, als sie sind, ist bedauerlicherweise kein utopisches Szenario, sondern die bittere Wahrheit.
Wie sich die Geschichte entwickelt ist gut zu lesen. Ich tappte bis zum Ende absolut im Dunkeln. Das einzig Negative, was ich anzumerken habe ist, dass die Darstellung einer bestimmten Personengruppe, nämlich die der Rollenspieler doch ziemlich klischeehaft ist und keinesfalls auf jeden zutrifft. Mir hat diese überspitzte Zeichnung leider so überhaupt nicht gefallen.


In Kürze:

Positiv
Der Plot ist toll.
Gute Identifizierung mit Rachel.
Zeitsprünge.
Spannung immer auf dem höchsten Level.
Überraschungen.
Erschreckende Einblicke.
Es wirkte alles so real.

Negativ 
Nicht alle Rollenspieler sind so, wie sie hier dargestellt werden.


Fazit:

Dieser Spannungsroman ist wirklich rundum gelungen, wenn man von der eher überspitzten Zeichnung einer bestimmten Personengruppe absieht. Ich habe auf jeder einzelnen Seite mitgefiebert und tappte bis zum Schluss im Dunkeln. Ich kann "Toter Himmel" sehr empfehlen.




Weitere Rezensionen:





Habt einen wundervollen Tag, ihr Lieben. ♥


5 Zitate

  1. Huhu!

    Ich war früher eine begeisterte Rollenspielerin (alles Mögliche von klassischem D20 über Cthulhu bis Babylon-5-LARP), deswegen würde mich die falsche Darstellung an dem Buch sicher auch stören! Von der Autorin habe ich noch "Perfect Girl" auf dem SUB, das sollte ich wahrscheinlich ohnehin zuerst mal lesen. :-)

    Schöne Rezension! Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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    1. Hey :)
      Erst einmal vielen lieben Dank für die Verlinkung. :)
      Ich wusste gar nicht, dass die Autorin noch ein Buch geschrieben hat. Schande auf mein Haupt. Das werde ich mir auf jeden Fall mal genauer ansehen. :)

      Mein Mann ist begeisterter Rollenspieler und daher fand ich diese Beschreibung, wie sie in "Toter Himmel" vorkommt echt schrecklich. Wären alle Rollenspieler so, wie sie gerne mal dargestellt werden, hätte ich ihn sicherlich nicht geheiratet, denn dann hätten wir uns gar nicht kennengelernt, da er nur vorm PC hocken würde. ;)
      Ich überlege ja auch, ob ich zumindest mal zu einem LARP mitfahre, so uninteressant finde ich es nicht, aber irgendwie konnte ich mich noch nicht dazu aufraffen. ;)
      Alles Liebe
      Kitty ♥

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    2. Wir hatten in zweien unserer Gruppen genau *einen* Mitspieler, der wirklich exakt so war, wie Rollenspieler immer dargestellt werden, aber die meisten waren doch ganz normale Leute. :-)

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  2. Hallo nochmal,

    das Buch steht schon ewig auf meiner Wunschliste und ich bin froh, dass du es empfehlen kannst.

    Besonders erschreckend finde ich ja, dass dieses Szenario nicht mal so unwahrscheinlich ist. Klar, es kommt nicht täglich vor. Aber ich erinnere mich da an einen konkreten Fall von vor anderthalb Jahren. Das ist schon traurig.

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Genau das ist der springende Punkt, Liebes: Das Szenario ist echt nicht so unwahrscheinlich und gerade das hat mir auch eine Gänsehaut beschert.
      Es wird Zeit, dass es bei dir einzieht. Ich bin sehr auf deine Meinung gespannt.
      Alles Liebe
      Kitty ♥

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Hi! :)
Schön das du hier gelandet bist! Ich bin für Lob und Kritik sehr dankbar und freue mich über jeden einzelnen Kommentar.
Meine Antwort findest du gleich unter deinem Eintrag.

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Vielen Dank, dass du bei mir warst. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. :)