Rezension:
Mechtild Borrmann - Trümmerkind

14 Februar 2018 |
Vielen Dank an den Knaur. Verlag für dieses Rezensionsexemplar!


01.12.17 | 304 Seiten | Knaur. Autorin | Leseprobe Kaufen 

Hamburg 1946/47 - Steineklopfen, Altmetallsuchen, Schwarzhandel.
Der 14jährige Hanno Dietz kämpft mit seiner Familie im zerstörten Hamburg der Nachkriegsjahre ums Überleben. Viele Monate ist es bitterkalt, Deutschland erlebt den Jahrhundertwinter 1946/47.
Eines Tages entdeckt Hanno in den Trümmern eine nackte Tote - und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen. Der Kleine wächst bei den Dietzens in Hamburg auf. Monatelang spricht der Junge kein Wort. Und auch Hanno erzählt niemandem von seiner grauenhaften Entdeckung. Doch das Bild der toten Frau inmitten der Trümmer verfolgt ihn in seinen Träumen.
Erst viele Jahre später wird das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur kommen, das auf fatale Weise mit der Geschichte seiner Familie verknüpft ist …




»Agnes Dietz spürte an diesem Mittag etwas, das sie schon verloren geglaubt hatte, Zuversicht. Dieses vorsichtige "Vielleicht". Vielleicht würde es doch wieder bergauf gehen.«
Zitat aus: "Trümmerkind"



Meine Meinung:

Charaktere
Hanno ist vierzehn Jahre alt und hält seine Familie in der Nachkriegszeit mit Schrottsammeln über Wasser. Er hat die Vaterrolle für seine jüngere Schwester angenommen, da sein Vater von einem Einsatz bisher nicht nach Hause gekommen ist. Als er einen dreijährigen Jungen sieht, möchte er ihn erst zurücklassen, doch dann entscheidet er sich doch anders.
Anna möchte mehr über ihre Familie erfahren. In den 90er Jahren fragt sie immer mal wieder ihre Mutter nach der Vergangenheit, doch diese möchte mit dem Thema nichts mehr zutun haben. Sie macht gleich dicht und verliert über einstige Zeiten kein Wort. Anna weiß genau, was sie will und ist viel am Reisen. Ihre Neugier ist zu groß.

»Der Junge lag apathisch da und sah mit glasigen Augen durch sie hindurch.«
Zitat aus: "Trümmerkind"

Gesamt
Mechtild Borrmann erzählt in "Trümmerkind" von drei Familien. Sie bedient sich der auktorialen Erzählweise und bewegt sich außerdem in drei Zeiten. Zu allererst lernen wir den vierzehnjährigen Hanno kennen und erleben sogleich, wie er mit seiner Schwester zusammen einen dreijährigen Jungen in den Trümmern von Hamburg im Jahre 1947 trifft. Anschließend geht die Geschichte mit Anna weiter, die im Jahre 1992 über ihr Leben sinniert. Sie möchte mehr über ihre Vergangenheit erfahren und nimmt die Nachforschungen selbst in die Hand, da ihre Mutter sie nicht unterstützen möchte. Zu guter Letzt geht es noch um eine weitere, große Familie, bei der mir die Übersicht am Anfang ziemlich schwer fiel. Diese Geschichte spielt im Jahre 1945.
Obwohl im Grunde genommen jedes Kapitel eine andere Familie und somit auch eine andere Zeit behandelt, fiel es mir sehr leicht der Geschichte zu folgen. Die Autorin versteht es, den Leser neugierig auf den weiteren Verlauf zu machen und schreibt so fließend und spannend, das es einem unmöglich ist, das Buch zur Seite zu legen. Trotz des Wissens, was im zweiten Weltkrieg geschehen ist, stellten sich mir bei Rückblicken die Nackenhaare auf. Ja, es flossen Tränen. Auch bei mir.

»Manchmal steht sie [...] am Fenster [...] und denkt darüber nach, wie sich die Dinge wiederholen oder, genauer, wie sie aneinander anknüpfen. So als trägt man ein Bündel von Lebensfäden in der Hand, von denen man den einen oder anderen verliert und dann wieder aufnimmt. Aufnehmen muss, weil der Faden nicht zu Ende ist, sondern nur in einem Augenblick der Unachtsamkeit aus der Hand gerutscht ist.«
Zitat aus: "Trümmerkind"

Die Autorin beschreibt das Setting so genau, dass man den Staub förmlich auf der Zunge schmecken und das Dröhnen der Flugzeuge in den Ohren hören kann. Die Kälte, die der Jahrhundertwinter 1947 mit sich brachte, ging mir durch Mark und Bein und ließ meine Glieder schlottern. Doch nicht nur diese Oberflächlichkeiten kamen mit voller Wucht bei mir an, sondern auch die Emotionen, die die Figuren spürten.
Wer denkt, bei "Trümmerkind" handelt es sich "nur" um einen geschichtlichen Roman, der irrt sich. Diese Geschichte beinhaltet viel mehr als nur ein einziges Genre. Es geht um Familiengeschichten, die nicht nur aufgrund der (Nach)Kriegszeit zu Herzen gehen und auch um Leichen. Wo kommen die Toten her, die nackt auf der Straße liegen? Sind sie erfroren und wurden sie beraubt, oder steckt noch etwas anderes dahinter? Diese und noch viele andere Fragen stellt man sich, während man in eine Zeit teleportiert wird und zu jeder einzelnen dieser Fragen gibt es am Ende des Buches auch die Antworten. Bis dahin begleitet man drei Familien, drei Schicksale in drei verschiedenen Zeiten.


In Kürze:

Positiv
Spannend von der ersten bis zur letzten Seite.
Figuren alle lebensecht.
Emotionen.
Gut recherchiert.
Drei Zeiteben.
Auktorialer Erzähler.
Toller Schreibstil.
Hohes Tempo.

Negativ 
Am Anfang etwas verwirrend, wegen der vielen Figuren.
Der Klappentext ist irreführend.


Fazit:

Mechtild Borrmann hat mir mit "Trümmerkind" ein Highlight vor die Nase gesetzt. Ich liebe ihren Schreibstil, ihre Art, das Setting zu beschreiben und ihre Gabe, die Figuren lebendig werden zu lassen. Die verschiedenen Perspektiven und Sprünge haben mir ebenso gut gefallen, wie die verschiedenen Genre, die diese Geschichte beinhaltet. "Trümmerkind" war mein erstes Buch der Autorin, aber auf keinen Fall das Letzte!




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Habt einen wundervollen Tag, ihr Lieben. ♥


4 Zitate

  1. Liebe Kitty,
    ihr hattet ja eine schöne Leserunde und dir hat das Buch auch sehr gut gefallen. Ich habe es ja bereits gelesen und eure LR mitverfolgt ;)...gegen eine gemeinsame LR mit einem weiteren Buch der Autorin hätte ich auch nichts einzuwenden=)
    Liebe Grüße
    Martina
    https://martinasbuchwelten.blogspot.co.at/

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    1. Das wäre schön, liebe Martina, wenn wir bald eine neue Leserunde mit einem Buch der Autorin starten und du dann ebenfalls dabei bist. :)
      Ich habe mir jetzt auch zwei neue Bücher von ihr gekauft. Vielleicht können wir ja eins davon nehmen?
      Alles Liebe
      Kitty

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  2. Hach, jetzt gehen so langsam die Kritiken von allen online :D
    Hab dich auch direkt mal bei mir ergänzt. Wir waren ja alle begeistert von dem Buch, auch wenn es diverse Kritikpunkte gab. Werd mir auf jeden Fall noch mehr von der Autorin näher anschauen :3

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    1. Ich habe auch schon immer mal wieder nachgeschaut, ob ich noch die ein oder andere Bewertung von den anderen entdecke. Deine habe ich mir vorhin, wie du sicherlich schon gesehen hast, angeschaut. :)
      Ich bin ein bisschen darüber überrascht, dass wir das Buch allesamt gut fanden. Ich glaube, das habe ich bei einer Leserunde noch nie erlebt. ;)
      Zwei andere Bücher der Autorin sind letztens bei mir eingezogen. Hoffentlich gefallen sie mir ebenso gut, wie dieses. :)
      Alles Liebe
      Kitty

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Hi! :)
Schön das du hier gelandet bist! Ich bin für Lob und Kritik sehr dankbar und freue mich über jeden einzelnen Kommentar.
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